Niemand gewinnt! – Investitionspolitik der Yale University

Eines der wichtigsten Events im Semester ist das Football-Game Yale gegen Harvard – natürlich hat Yale gewonnen! Ein typisches Spiel beginnt mit dem „Talegating“ lange bevor die Spieler den Rasen betreten – auf den riesigen Parkplätzen treffen sich die Zuschauer*innen zum Grillen und Vorglühen. Nach einigen PBR-Bieren geht es dann Richtung Stadion. Meine Freunde und ich sind aber erst 1 Stunde nach Spielbeginn angekommen. Bei mindestens 3h Spielzeit ist das aber überhaupt nicht zu spät und in diesem Fall gab es sogar zweimal eine Verlängerung. Das Spiel verläuft ganz gewöhnlich, rote und blau Menschen rennen auf einander zu, rammen sich und versuchen den Football über die weiße Linie zu befördern. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt dann die „Half-time-show.“ Eigentlich gibt es musikalische Beiträge mit Tanz von beiden Unis und das Spiel geht weiter. Doch dieses Mal begann die eigentliche Show erst nach der Show: Die Musikant*innen haben gerade den Rasen verlassen, da rennen 150 Menschen mit Bannern auf das Feld: „This is an Emergency.“

Erst war mir die Botschaft nicht ganz klar, dann erscheinen mehr Banner, wie „Climate Justice“ „Yale is Complicit.“ Unter dem Motto Niemand Gewinnt protestieren Studierende gegen die Investitionspolitik beider Bildungseinrichtungen. Ihr Protest findet Zulauf und nach kurzer Zeit versammeln sich 800 Menschen auf dem Spielfeld.

Seit den 80ern hat die Yale University sich bewusst dazu entschieden gezielt zu investieren. Die Gewinne daraus sollen der Bildungseinrichtung wieder zu Gute kommen, zum Beispiel werden Professuren, Bücher und Stipendien daraus finanziert. Seit den 80er Jahren sind die Investitionsgelder stark angestiegen und betragen nun mehr als 29,4 Milliarden US-Dollar (2018). Harvard verfügt über ähnliche Investitionen. Allerdings ist es nicht durchsichtig, in welche Unternehmen investiert wird, aber es wird davon ausgegangen, dass große Teile in die Öl- und Gas-Industrie investiert wurden. Kritisiert wird, dass sich beide Universitäten zum Klimaschutz nur wage äußern und nicht genug tun um von fossilen Energien los zu kommen.

In den 70er Jahren war die Yale University eine der ersten Institutionen, die sich Regeln für eine ethisch vertretbare Investitionspolitk gegeben hat. Allerdings haben diese Regeln klar gemacht, dass nur im äußersten Notfall vom Prinzip der Gewinnmaximierung abgewichen werden darf. Yale ist stärker an den Gewinnen interessiert, als dass die Universität die Verantwortung über ihre Investitionen tragen möchte. Yale gibt vor neutral oder unpolitisch zu handeln, indem es sich der Gewinnmaximierung verschreibt. Eine Richtlinie, die zum Beispiel versucht Investitionen in Ölbohrinseln zu vermeiden wäre in den Augen der Mitarbeiter*innen des Investment Office eine politische Aussage und könnte die Neutralität der Universität gefährden. Unternehmen, die von sich aus beschließen ihre Produktion umweltfreundlicher zu gestalten und dabei deutlich geringer Einnahmen für die kommenden Jahren erwarten, werden aus dem Investitionsprogram gestrichen. Nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung kann das Geld in einem anderen Unternehmen besser investiert werden.

Die Studierenden kritisieren, dass sie die Auswirkungen des Klimawandels tragen müssen und dass ihre Bildung in Teilen von der Erdölindustrie indirekt finanziert wird, obwohl sie beträchtliche Studiengebühren zahlen. Yale hat besonders Klimaschädlichen Unternehmen den Rücken gekehrt, zum Beispiel der Tar-Sand Industrie. Dies sind aber die einzigen Fortschritte der letzten Jahre. Zudem hat die Uni nicht offiziell auf das Pariser Klimaabkommen reagiert. Oft wird von Seiten des Investitionsbüros argumentiert, dass ein Leben ohne fossile Energien (noch) nicht möglich sei und deswegen Investitionen dort auch nicht unethisch seien. Tatsächlich wurden den Demonstrierenden vorgeworfen, zwar gegen die Politik der Universität zu demonstrieren, aber trotzdem bei günstigen Modelabels einzukaufen – die Studierenden sollten doch erst einmal bei sich selbst anfangen. Leider ist das mehr eine Ausrede der Universitätsleitung als eine ernstzunehmende Kritik, da die Dimensionen des Klimawandels, die des Individuums weit übersteigen. Ein billiges T-Shirt, das schnell kaputt geht, kann unmöglich mit milliarden-schweren Investitionen in Erdölunternehmen verglichen werden.

Yale und Harvard sind nicht die einzigen Universitäten, fast jede Universität in den USA hat Investitionen zur Finanzierung. Allerdings haben Unis wie die Columbia University in New York oder die Dayton University bereits alle Investitionen aus Unternehmen die mit der Beschaffung und Weiterverarbeitung von fossilen Energieträgen zu tun haben zurückgezogen.

Niemand gewinnt, wenn die Ressourcen ausgeraubt sind oder die Erde zu warm für den Lebensmittelanbau ist. Als Austaustudent aus Deutschland war es für mich unvorstellbar, dass Universitäten so viel Geld haben, um es zu investieren und sich aus den Gewinnen teilweise finanzieren zu können. Dieses System ist für die Universitäten sehr wichtig und der Protest richtet sich auch nicht gegen Investitionen an sich. Die Studierenden fordern: Raus aus den Fossilen, rein in die Erneuerbaren. Vielleicht sieht das Investitionsbüro irgendwann ein, dass erneuerbare Energien mittelfristig profitabler sein werden.

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