Die Geschichte des Pfitzaufs

Als ich mich mit meinem amerikanischen Kommilitonen auf den Weg zu einem Vortrag über Muslimische Spiritualität und palliativmedizinischer Behandlung mache, ahne ich noch nicht in welche Identitätskrise ich geraten werde. Der Vortrag, organisiert vom Institut für Heilige Musik, findet im schicksten Restaurant der Uni statt. Holzvertäfelte Wände verziert mit Gemälden ehrwürdiger Herren, eine große amerikanische Flagge und zu meiner Freude: Porzellangeschirr – jedem der einmal länger in den USA gewesen ist wird auffallen, dass dieses Restaurant wirklich „bougie“ ist.

Nun, das Essen war grandios und der Vortrag eigentlich interessant, beschäftigt hat mich aber viel mehr eine Debatte am Buffet. Bereits auf dem Weg zum Vortrag hat mir mein Kommilitone von den „Pop-overs“, die es dort gäbe vorgeschwärmt: so delicious! Am Buffet sprangen diese mir dann regelrecht ins Auge. Knuspriges, fluffiges Teiggebäck: „Das sind doch eindeutig Pfitzauf“, dachte ich mir. Ich erklärte meinem Kommilitonen freudig, dass diese Pop-overs eigentlich Pfitzauf hießen und aus Swabia (Schwaben) kämen. Sogleich beteiligten sich ein Angestellter des Instituts und ein Engländer an der Debatte. Was dann passierte, erschütterte mich zu tiefst.

Der Angestellte erklärte, dass diese Pop-overs ein altes amerikanisches Gericht aus dem Süden seien. Der Engländer nannte sie Yorkshire Pudding und führte aus, dass manchmal Pudding auch Brot heißen könne. Beiden warf ich Ignoranz für europäisch Ursprünge und „cultural appropriation“ vor. Nichts ist schwäbischer als der „Pfitzauf“: über Generationen mündlich tradiert und schließlich von Luise Haarer niedergeschrieben. Vermutlich kam das Rezept mündlich nach Amerika, irgendein Schwabe hat es halt mitgebracht. Um die eigene Identität besorgt zückte der Angestellte sein Handy und stellte fest, dass Pop-overs aus England kämen und tatsächlich die amerikanische Form des Yorkshire Puddings seien. Tief erschüttert, dass in der ganzen Geschichte Schwaben nicht ein einziges Mal vorgekommen ist beschloss ich genauer zu recherchieren, wo der Pfitzauf eigentlich erfunden wurde.

Ganz in historisch kritischer Manier versuche ich nun zur ersten schriftlichen Quelle des Pfitzaufs zu gelangen. Zum Glück lassen sich einige Kochbücher über die Onlineressourcen der Universitätsbibliothek einsehen. Tatsächlich lässt sich der Yorkshire Pudding in einem englischen Rezeptebuch von 1748 finden.[1] Der Pudding besteht aus verhältnismäßig viel Milch, Eiern, Mehl und einer Prise Salz – kurz gesagt: Ein „dünner Flädlessteig.“ Die Zubereitung scheint etwas komplizierter als heute zu sein, aber prinzipiell ist es ein Pfitzauf. In Amerika konnte ich kein älteres Rezeptebuch finden. Als ältestes Rezeptebuch, das in Amerika gedruckt wurde, gilt „American Cookery or the Art of Dressing Viands, Fish, Poultry, & Vegetables“ von Amelia Simmons aus dem Jahre 1808. Dort ist der „Flour Pudding“ (Pudding aus Mehl) belegt, welcher zusätzlich Zimt, Zucker und Muskatnuss enthält. Zudem wird empfohlen den Flour Pudding mit süßer Soße zu servieren.[2] Als „Breakfast-Puffs or Pop-over“ wird das Rezept 1876 in einem Kochbuch von Mary Henderson belegt.[3] Es ist somit wahrscheinlich, dass der Yorkshire Pudding von England nach Amerika kam und dort später umbenannt wurde. Die Bezeichnung „Pop-over“ trifft das Gericht tatsächlich sehr gut, wie der Pfitz-auf popt der Teig beim Backen über die Form.

Leider konnte ich bisher kein schwäbisches Rezept finden, dass den Pfitzauf vor 1748 belegen könnte. Von daher ist davon auszugehen, dass der Yorkshire Pudding von England nicht nur in die USA kam, sondern auch ins Ländle. Wann dies geschah bleibt jedoch (vorerst) ungeklärt. Luise Haarer publizierte „Kochen und Backen nach Grundrezepten“ im Jahr 1923. Als Luise Harrers Vater (der Pfarrer war) früh verstarb zog sie nach Urach und arbeitete dort als Haustochter in einem „Englischen Haushalt.“[4] Erfuhr Luise Haarer dort von dem Yorkshire Pudding oder kannte sie den „Pfitz-auf“ schon früher? Ich hoffe, dass ich eines Tages auf ein älteres Rezeptebuch stoßen werde, um dies Frage zu klären.


[1]Glasses, Hannah, The Art of Cookery. Made Plain and Easy, London (1748), 131-2.

[2] Simmons, Amelia, American Cookery or the Art of Dressing Viands, Fish, Poultry, & Vegetables, (1748), 36.

[3] Henderson, Mary F., Practical Cooking or Dinner Giving, New York (1876), 71.

[4] Schmoll, Friedemann, Iß langsm und kaue tüchtig. Die Geschichte von Luise Haarers schwäbischem Nationalkochbuch, das eigentlich nie ein solches werden sollte in: Brieschke, Angelika, Jeggle, Utz, Rompel, Steffen u. A. (Ed.), Schwabenbilder. Zur Konstruktion eines Regionalcharakters, Tübingen (1997),150

2 Gedanken zu „Die Geschichte des Pfitzaufs“

  1. Hey, soooo cool! Ich bin Schwäbin und kannte Pfitzauf (bei uns „Pfitzuff“) aus meiner Kindheit. Während des Studiums war ich ein Jahr in Großbritannien und lernte dort den legendären Yorkshire Pudding kennen – es ging mir genau wie Ihnen.. Identitätskrise, Schwabenpower: das ist doch ein urschwäbisches Gericht! Und ich habe den Ursprung bzw.die historischen Hintergründe gesucht, über Jahre! Nun endlich habe ich eine schlüssige, nachvollziehbare und aufgrund meiner eigenen Erfahrung lustige, fundierte Erklärung erhalten und muss nicht dumm sterben – besten Dank dafür!!!!!

  2. Meine Tante hat einen Kochbuch Nachdruck mit dem Pfitzauf Rezept.

    Das Oekonomische Handbuch für Frauenzimmer ist von 1795 mit Herzogl. Gnädistem Privilegium. Stuttgard bei Johann Friedrich Steinkopf.

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